Corona – was ist mit der Kreativ- und Medienbranche?

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Corona zwingt uns ehrlich zu sein

13.03.2020

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Die Corona-Krise stellt die Wirtschaft vor einen Abgrund, die Politik versucht sie zu bewahren. Heute mittag berichteten Finanzminister Scholz und Wirtschaftsminister Altmaier in einer Pressekonferenz, dass sie die Liquidität von Unternehmen aller Größenordnungen gewährleisten werden. Dies soll mit Steuererleichterungen (im Sinne von Fristverschiebung) und der staatlichen Unterstützung von Bürgschaftsbanken geschehen, die uns ermöglichen sollen Kredite aufzunehmen, sogar unbürokratisch und schnell. Diese Maßnahmen machen sicherlich Sinn und stellen in vielen Fällen eine Lösung dar. Dennoch bedeuten sie im Klartext, dass wir die Zeit der Auftragsausfälle mit geliehenem Geld überbrücken sollen, das zu einem späteren Zeitpunkt wieder zurückgezahlt werden soll. In anderen Worten: wir sollen uns verschulden! Genauere Informationen hierüber liefert das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hier.

Gewiss ist es bei vielen Unternehmen durchaus üblich und vertretbar mit Krediten zu arbeiten, wenn die Ausgangslage stabil ist und eine Rückzahlung bewerkstelligt werden kann. Das nennt man Bonität. Bei Freelancern sieht die Lage leider anders aus, denn hier ist in den meisten Fällen bereits die Ausgangssituation äußerst instabil. Viele Menschen, die kreative Berufe ausüben, leben im wahrsten Sinne von Monat zu Monat, also am Rande der Existenz, was auch der Grund ist, warum sie unter normalen Umständen keinen Kredit bekommen würden. Sie könnten ihn womöglich nicht zurückbezahlen. 

Die Situation von Künstlern und Freelancern in der Wirtschaft

Nun mögen manche fragen, weshalb wir uns keine Rücklagen aufbauen, mit denen wir schwierige Zeiten überwinden könnten. Darauf gibt es gleich drei Antworten:

1. Wir haben bereits etliche Krisen überwunden, während derer wir unsere etwaigen Rücklagen immer wieder aufbrauchen mussten. Freelancer haben tagtäglich mit schwierigen (finanziellen) Situationen zu kämpfen: Sommerloch, Winterloch, Ausfälle durch Krankheit, unbezahlter Urlaub (wenn überhaupt), Burnout, um nur einige zu nennen.

2. Die Kosten, die Freelancer monatlich und jährlich stemmen müssen übersteigen die eines Festangestellten deutlich. Wir investieren in Material und Equipment, ohne das wir nicht arbeiten können, zahlen ggf. Mieten für Ateliers oder Studios und Prämien für Versicherungen, die sonst ein Arbeitgeber bezahlt. Die Berufs- und Betriebshaftpflichtversicherung, die meine Kunden und mich im „worst case“ für Sach-, Personen- und Vermögensschäden entschädigen soll, kostet mich über 800 € jährlich – das ist mehr, als die meisten für die Versicherung ihres Autos bezahlen – um nur ein Beispiel zu nennen.

3. Man muss sich nur einmal die Zahlen vom 01.01.2019 ansehen, die die KSK (Künstlersozialkasse) zur Verfügung stellt, um zu erkennen, dass die jährlichen Einnahmen bei weiblichen und männlichen Künstlern, in allen Branchen und Altersstufen (!), durchschnittlich unter 20.000 € liegen. Eine bildende Künstlerin zwischen 30 und 40 verdiente also 2018 monatlich gerade etwa 1.500 € und das in einem Alter, in dem sie vielleicht Kinder bekommen mochte und in einer Zeit, in der die Monatsmieten auf vierstellige Beträge anstiegen. Das Äquivalent in der Musikszene lag bei durchschnittlich nur fast 1.000 € monatlich. Siehe “Entwicklung des Einkommens der Versicherten” hier.

Gleichzeitig müssen Freelancer oft lange Wartezeiten hinnehmen, bis ihre ausgestellten Rechnungen bezahlt werden. Da hilft kein Mahnen und kein Telefonieren, das Geld liegt viele Wochen oder sogar Monate auf fremden Konten, und das ist leider die Regel! Hierfür gibt es unterschiedliche Gründe, die jeweils situationsbedingt sind. Aus meiner persönlichen Erfahrung sind diese bei größeren Kunden bürokratischer Natur. Bei kleineren Kunden sind die Budgets meist sehr knapp, was bereits bei der Planung vor und während der Produktion deutlich spürbar wird. Wir arbeiten vermehrt unterbezahlt – auch nachts und am Wochenende.

Was hat Corona damit zu tun?

Die Aufforderungen der Bundesregierung und der Experten auf den Gebieten der Virologie und Seuchen (hierzu ein Podcast mit Prof. Christian Drosten), vor allem seit dem 10.03.2020, sind einhellig: Die Bevölkerung soll zum Schutz der Risikogruppen und zur Entlastung bzw. der kontrollierten Belastung des Gesundheitssystems beitragen, dass sich die exponentielle Verbreitung des Viruses verlangsamt, da es gegen den Erreger noch keinen Impfstoff und für die Behandlung der Infizierten noch kein Arzneimittel gibt. Das bedeutet konkret, dass jegliche Zusammenkünfte von Menschen reduziert werden sollen, was natürlich richtig und unbedingt notwendig ist. Eine Nebenwirkung dessen ist jedoch große Unsicherheit, besonders auf wirtschaftlicher Ebene. Bereits seit Wochen halten sich Firmen mit Bestellungen und Aufträgen zurück was eine Kette von sonst normalen Ereignissen unterbricht und teilweise ausfallen lässt. Unternehmen, Agenturen, etc. stehen plötzlich ohne Kunden oder Material da, die Umsätze schrumpfen drastisch. Mit der Änderung des Gesetzes für Kurzarbeitergeld, die heute angenommen wurde und morgen in Kraft tritt, wurden nun Grundlagen geschaffen, um Entlassungen im großen Stil zu verhindern. Wo kein Home Office möglich ist, herrscht an vielen Stellen deshalb Zwangsurlaub, immerhin mit geringer Bezahlung.

Besonders dramatisch wirkt sich das Gebot jedoch auf die Kunst-, Kultur- und Medienbranche aus, die zum großen Teil davon lebt, dass Menschen zusammenkommen und zudem zu großen Teilen von Klein(st)unternehmern und Freelancern betrieben wird. 

Gesundheitsminister Spahn fordert die Bürger auf: Wägen Sie ab, was Ihnen im eigenen Alltag so wichtig ist, dass Sie darauf in den nächsten zwei bis drei Monaten nicht verzichten wollen, sei es der Clubbesuch, die Geburtstagsfeier im familiären Kreis oder die Vereinssitzung. Ich vertraue darauf, dass die Bürgerinnen und Bürger in diesen Zeiten kluge Entscheidungen für sich und ihre Liebsten treffen.“ 

Ich möchte dieser Aussage nicht widersprechen. Doch es bleibt zu ergänzen, dass Freelancer, deren Arbeit teilweise oder ganz von der Partizipation der Gesellschaft an solchen Aktivitäten abhängt, bzw. generell davon, dass sie physisch mit anderen Menschen interagieren, nicht bezahlt werden, wenn sie dies nicht mehr tun können, da es in ihrem Fall keinen Arbeitgeber gibt, der vom Staat unterstützt wird. Nun werden Teile der Wirtschaft einigermaßen am Leben erhalten, doch unsere Auftraggeber setzen verständlicherweise Prioritäten, die leider nicht zu unseren Gunsten ausfallen. Wir bleiben zu Hause – und auf der Strecke.

Wie werden Freelancer entschädigt?

Laut BFF (Berufsverband Freie Fotografen und Filmgestalter e.V.) besteht Entschädigungsanspruch nach IFSG (Infektionsschutzgesetz) für Jobausfälle (bei Fotografen und Filmern, sicherlich jedoch auch bei vergleichbaren Kreativberufen) nur, wenn sich der Freiberufler offiziell in Quarantäne begeben muss, weil er ansteckungsverdächtig ist. Werden ihm/ihr Auftrage von Seiten des Kunden abgesagt, trägt er/sie allein das Risiko. 

Diese Tatsache bedeutet angesichts der stillgelegten Auftragslage, dass unsere gesamte Kulturwirtschaft nachhaltig leiden wird und viele Kreative schon in den nächsten Wochen, oder sogar Tagen bald mit nichts als bloßen (hoffentlich gewaschenen) Händen dastehen werden. Der ISDV (Interessensgemeinschaft der selbstständigen DienstleisterInnen in der Veranstaltungsbranche e.V.) widmet diesem Umstand eine Umfrage, die aktuelle Zahlen über Jobausfälle erfassen und der Politik zur Verfügung stellen soll.

Bei vielen anderen Berufsverbänden für kreative Branchen konnte ich leider noch keine aktuellen Informationen oder Engagement finden. Es bleibt zu hoffen, dass dies nachgeholt wird. Immerhin werden Stimmen laut, die einen Rettungsschirm durch Notfonds für Künstler fordern. Prominente wie Jan Böhmermann und Fritz Kalkbrenner machen auf den Notstand aufmerksam. 

Auch Petitionen, den Künstlern und Freelancern unter die Arme zu greifen, sind im Umlauf. An dieser Stelle bitte hier unterschreiben.

Wie ergeht es der Modeindustrie?

Sicherlich kann ich vor allem aus Sicht der Produktion von Fotocontent für Printmedien, Blogs, Soziale Medien, Online Shops, etc. berichten: Wir sind auch betroffen. Seit einigen Wochen werden Fotoshootings entweder verschoben, an andere Orte verlegt, oder nun vermehrt abgesagt. Man muss sich vorstellen, dass bei Mode- und Beautyshootings mindestens drei, oftmals jedoch 10, 20 oder mehr Personen viele Stunden intensiv nebeneinander arbeiten. Das Model, der Make-up Artist und der Fashion Stylist unterschreiten den empfohlenen Sicherheitsabstand von einem Meter deutlich, da es nunmal genau darum geht, das Model, seine Haare und was es trägt für die Fotos perfekt herzurichten – und zwar immer wieder, den ganzen Tag. Home Office statt Shooting ist in diesen Metiers offensichtlich keine Option, Mundschutz ebensowenig, zumindest für das Model nicht. Natürlich arbeite ich auch von zu Hause aus, doch das sind keine bezahlten Tätigkeiten, sondern hauptsächlich Marketing Aufgaben (Blog Artikel schreiben, Social Media Pflege, Newsletter, etc.) und die Planung von Shootings – hinter letzterem steht nun ein großes Fragezeichen. Heute hätte ich ein wichtiges Kundenshooting gehabt, wir durften es jedoch nicht durchführen und das finde ich vernünftig. Ich möchte verantwortungsbewusst mit dieser Situation umgehen und solidarisch sein. Gleichzeitig weiß ich nicht, wie ich mir das leisten soll. Ich sehe mich in allen oben genannten drei Punkten vertreten und kann mir nicht vorstellen, wie ich meine berufliche Laufbahn gestalten soll, wenn ich in Zukunft auch noch einen Kredit abbezahlen müsste – denn so viel ist klar: auch der saisonale Zyklus der Modeindustrie kommt jetzt ins Schwanken. Giorgio Armani präsentierte seine Kollektion am 23. Februar in Mailand ohne Publikum und streamte die Show online (Giorgio Armanis Herbst 2020 Show Live). Ob das beim jetzigen Stand der Dinge noch einmal möglich wäre, ist fraglich – auch Backstage arbeiten Dutzende Involvierte auf engstem Raum. Viel eher ist zu erwarten, dass auch der Entwurf und die Herstellung neuer Kollektionen in Verzug gerät (große Textilunternehmen produzieren pro Jahr bis zu 8 saisonale und weitere Sonderkollektionen). Was schon da ist, kann nun nicht mehr fotografiert und daher auch nicht vermarktet werden. Und wer soll es unter diesen Umständen noch kaufen, wenn Geschäfte geschlossen bleiben und Menschen sich meiden? Ich möchte keineswegs den Teufel an die Wand malen, da der Verlauf der Krise nicht absehbar ist und Panik alles andere ist, was wir nun brauchen. Viel eher ist es wichtig die Lage nüchtern und konstruktiv zu bewerten, die Situation publik zu machen und Lösungen dafür zu finden. Dass wir das nicht alleine schaffen, ist klar. Wir und alle anderen Kreativschaffenden brauchen Hilfe.

Brainstorming für die Rettung der Kreativwirtschaft

Was Auftraggeber tun können:

* Es ist verständlich, dass die Zeiten unsicher sind und künstlerische Projekte gerade keinen Vorrang haben. Dennoch möchtet ihr sicherlich nach der Krise weiterhin Freelancer beauftragen für euch zu arbeiten. Macht euch bitte klar, dass diese mit erschwerten Bedingungen wieder auf den Markt treten. Es werden Kredite abzubezahlen sein und der eine oder andere wird ganz von vorne anfangen müssen. Wir haben lange in einer Blase gelebt, in der Leistungen und Gegenleistungen stark aus dem Gleichgewicht waren. Stellt bitte sicher, dass wir Post-Corona einen faireren Markt erleben werden.

* Hände waschen.

Was die Politik tun kann:

* Schon lange wird über das „Bedingungslose Grundeinkommen“ diskutiert. Jetzt ist der perfekte Zeitpunkt dieses Konzept zu testen. Gelder in Höhe von einer halben Billion (!) Euro wurden zur Rettung der Wirtschaft mobilisiert. Das sollte möglich sein.

* Für uns sind nur Zuschüsse eine Option, die nicht zurückgezahlt werden müssen (siehe obige Gründe)

* Wir wollen hoffen, dass die Rettungspakete des Bundes und der Länder uns nicht dazu zwingen werden Ersparnisse aufzubrauchen, die für die Rente angedacht sind (wenn überhaupt vorhanden), um die Hilfen in Anspruch nehmen zu dürfen.

* Hände waschen.

Was jeder tun kann:

* Zuhören, Liken, Teilen, Folgen, Kommentieren, Empfehlen.

* Unterschriften sammeln.

* Wer in Quarantäne ist oder Zwangsurlaub hat, hat Zeit. Viel Zeit für Musikstreaming, Bücher kaufen (lesen kann auch nicht schaden), Merchandize und andere Produkte von lokalen Künstlern zu kaufen. Mit der Wirtschaft (in allen Branchen) geht es vor allem dann abwärts, wenn die Nachfrage sinkt. Ihr habt es in der Hand.

* Ihr habt Tickets, aber das Event wurde abgesagt? Behaltet es als Souvenir und gönnt den Veranstaltern eine kleine Stütze in schweren Zeiten.

* Ihr könnt auch mit kleinen Beträgen Crowdfundings unterstützen oder auf Plattformen wie Patreon Mäzen sein (so sieht das aus). Auch Spenden waren und sind immer willkommen.

* Hände waschen.

Was Vermieter tun können:

* Wohnungssuchende Kreative werden in nächster Zeit wohl kaum mit Bonität glänzen können. Nichtsdestotrotz sind (die meisten) fleißig und sollten auch Einkommensnachweise aus Zeiten vor der Krise geltend machen dürfen.

* Viele Mieten sind überhöht. Plattformen wie www.wenigermiete.de helfen dabei auszurechnen, ob dies in Einzelfällen zutrifft. Macht die Mieten fair!

* Wie wäre es mit einem mietfreien April?

* Stellt die Wasserversorgung sicher, weil –

* Hände waschen.

Was wir selbst tun können:

* Wer Mitglied bei der KSK ist, sollte dieser schnellstmöglich eine Änderungsmitteilung des voraussichtlichen Arbeitseinkommens zusenden, um die Beiträge zu senken. Das Formular dazu gibt es hier.

* Nutzt die Zeit zu Hause für die Projekte, die ihr lange aufgeschoben habt, vor allem für diejenigen, die eurer Tätigkeit bei der Wiederaufnahme neuen Fahrtwind verleihen könnten. Baut und updatet eure Websites, bereitet Social Media und Newsletter Content vor und entwickelt Strategien für euer Marketing und Akquise. Schafft Systeme und räumt euer Archiv auf. Vielleicht findet ihr alte Arbeiten, die ihr neu verwerten könnt (wie z.B. Stockfotografie).

* Dokumentiert die Corona-Krise mit eurer Kunst und eurem Handwerk – aus eurer persönlichen Sicht. Das Interesse an diesen Inhalten wird noch lange Zeit groß sein. Dies ist ein historisches Ereignis!

* Startet Crowdfunding oder nutzt Plattformen wie Patreon und baut einen Spendenbutton auf euren Websites ein.

* Vielleicht gibt es in Einzelfällen Remote Lösungen, die ihr euren Kunden anbieten könnt.

* Vielleicht ist die Grundsicherung für Selbstständige für euch eine Option (vergleichbar mit Hartz IV), allerdings müssen hier tatsächlich erst einmal eventuelle Rücklagen aufgebraucht werden.

* Wohngeld beantragen – hierzu der aktuelle Wohngeldrechner des BMI (Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat)

*Adobe CC kann für 2 Monate gratis genutzt werden (ja, richtig gehört!) – dieses Video erklärt euch, wie das geht.

* Mit dem Vermieter über die aktuelle Situation sprechen – vielleicht ist er bereit vorübergehend die Miete zu senken

* Den Steuerberater auf günstigere Tarifoptionen ansprechen

* Bereitet eure Steuererklärung für 2019 vor und falls sich herausstellt, dass ihr wahrscheinlich etwas zurückbekommt, sofort abgeben. Wenn ihr eher zahlen musst, wartet mit der Abgabe bis zur Frist.

* Hände waschen.

* Und, wie ich finde, das Allerwichtigste:

Künstler, Fotografen, Designer, Stylisten, Musiker, Schauspieler, Autoren, freie Journalisten und Veranstalter – vergesst bitte für die nächste Zeit die Prämisse „fake it ’till you make it“, denn wir müssen jetzt ehrlich sein – und LAUT! Teilt eure Gedanken und Situationen mit Gesellschaft und Politik um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass neben gewerblichen Unternehmen auch freischaffende Künstler Unterstützung brauchen, die auf ihre Situation abgestimmt ist.

Updates

20.03.2020

Bundes- und Landesregierungen

Es ist eine Woche verstrichen und wie die Zahl der Infizierten ist auch die Anzahl der Beiträge zum Thema Corona Krise im Netz angestiegen. In der Politik wurde verschärft auf die Maßnahmen hingewiesen, bis vor kurzem jedoch noch nicht sehr viel Neues zum Thema Freelancer und deren Rettung lanciert. Medienberichten zu Folge (z.B. SPIEGEL und RBB|24) sollen sowohl vom Bund mit ca. 40–50 Milliarden Euro, als auch von den Ländern (in Berlin mit ca. 600 Millionen Euro) Rettungszuschüsse schnell und unbürokratisch verteilt werden. Hierzu liefert bzgl. Berlin die Pressemitteilung der Senatsverwaltung vom 19.03.2020 genauere Infos. Zwar werden mit Petitionen immer noch Unterschriften gesammelt – apropos: diese Petition für das bedingungslose Grundeinkommen in der Corona Krise macht die Runde und sollte unterstützt werden – die Botschaft ist jedoch bereits angekommen und das Thema wurde schon am 13.03.2020 von Staatsministerin für Kultur und Medien Grütters thematisiert. Wir warten gespannt darauf zu erfahren, unter genau welchen Bedingungen und Voraussetzungen Zuschüsse in Anspruch genommen werden können und ob diese eine echte Entlastung sein werden.

Berufsverbände und Gewerkschaften

Des Weiteren haben viele Verbände und Gewerkschaften nun mehr oder weniger ausführliche Informationen bereitgestellt. Relativ engagiert listet der BDG (Berufsverband der Kommunikationsdesigner) to-Dos in der Krise und weiterführende Links auf. Etwas persönlicher solidarisiert sich ver.di (Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft) mit einer Handreichung für die Unterstützung selbständiger und freier Kulturschaffender“, die auch als PDF heruntergeladen werden kann. Bei einigen Verbänden gestalten sich die Updates bisher leider noch sehr lieblos, weshalb ich hier auf weitere Beispiele vorerst verzichte.

Die größte konkrete Hilfe sind wir selbst

Ich habe in letzter Zeit in den Sozialen Medien etliche Posts gesehen, die das Thema Corona für selbstständige und Künstler behandeln. Es werden nicht nur Briefe an Politiker formuliert, sowie Petitionen unterschrieben, sondern es kursieren auch viele Listen und Tipps, wie man Kosten einsparen kann und welche Hilfen es bereits gibt (davon sind auch einige Punkte in meinem Brainstorming inspiriert). 

Außerdem schließen sich Menschen aus aller Welt (oder aus ganz Deutschland) online zusammen um gemeinsam an Projekten zu arbeiten oder den Ausfall aller kulturellen Angebote zu kompensieren. Beispielsweise bieten die Berliner Clubs mittlerweile online gestreamte live acts, sowie Vorträge, Filme, etc. an. Die Erlöse von „United We Stream“ fließen in einen Rettungsfond für die Szene. 

Kollektive und einzelne Beiträge gibt es auch zum Thema online Kurse und digitale Produkte – zwei Märkte, die sicherlich ab jetzt einen bedeutenden Stellenwert einnehmen werden. So schließen sich zum Beispiel Experten auf den Gebieten Foto und Film im Projekt „die-3-Tage“ zusammen, in dem jeder mit Hilfe von Video Tutorials einen Beitrag zu einem Bundle leisten kann, das anschließend verkauft wird. Die Erlöse werden unter den teilnehmenden Tutoren gerecht aufgeteilt. 

Unter dem Motto #wirvsvirus startet heute der Hackathon der Bundesregierung, wo bis gestern (19.03.2020) dazu aufgerufen wurde verschiedenste Herausforderungen zu benennen und nun Teams zu bilden, denen de facto jeder Bürger mit seinen jeweiligen Qualifikationen beisteuern kann um bis zum kommenden Sonntag (22.03.2020) Lösung herauszuarbeiten und zu entwickeln – natürlich alles über digitale Kanäle. 

Wer den Startschuss verpasst hat, kann auch wesentlich bequemer, geradezu passiv, dazu beitragen, dass der Coronavirus schneller bekämpft wird, indem er über die ungenutzten Kapazitäten seines Computers eine Software laufen lässt, die permanent im Hintergrund Protein-Simulationen durchrechnet. Infos dazu gibt es in einem Artikel von PC Master Race. Ich möchte diese Empfehlung nur mit Vorbehalt geben und übernehme keine Verantwortung dafür, welche Programme aus dem Internet jemand auf seinem Computer installiert. Vielleicht kann auch nur mein gelerntes Designer-Auge die Authentizität von Computer und Gaming Websites nicht beurteilen. NVIDIA, ein bekannter Hersteller von Prozessoren und Chips für Computer und Gaming Consolen, animiert jedenfalls auf Twitter Nutzer dazu, diese Software zu nutzen.

Wir erleben in diesen Tagen wunderbare Potentiale, die sich entfalten. Wir lernen Kultur, Reisen und Bewegungsfreiheit zu schätzen, wenn wir spüren müssen, dass diese nicht selbstverständlich sind. So bieten beispielsweise viele Museen, Konzerthäuser, etc. online Touren und Streams an, die in diesem Artikel (von Harper’s Bazaar) sehr schön zusammengefasst sind. Außerdem wachsen wir als Menschheit zusammen, auch wenn wir uns nicht physisch begegnen können. Ich persönlich bin überwältigt (ganz und gar positiv) von all den konstruktiven und zukunftsweisenden Herangehensweisen, die ich täglich entdecke – sie geben sehr viel Hoffnung. Zuletzt möchte ich deshalb auch unbedingt diesen Artikel von Matthias Horx (Zukunftsforscher, Publizist) nennen, der uns eine neue Sichtweise auf die Lage, nämlich eine Re-Gnose (gewissermaßen eine Corona-Rückwärts-Prognose) anbietet. Daher: Kopf hoch!

Übrigens: Ich habe die Brainstorming Liste um folgende Punkte ergänzt.

* Vielleicht ist die Grundsicherung für Selbstständige für euch eine Option (vergleichbar mit Hartz IV), allerdings müssen hier tatsächlich erst einmal eventuelle Rücklagen aufgebraucht werden. 

* Wohngeld beantragen – hierzu der aktuelle Wohngeldrechner des BMI (Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat)

*Adobe CC kann für 2 Monate gratis genutzt werden (ja, richtig gehört!) – dieses Video erklärt euch, wie das geht.

* Mit dem Vermieter über die aktuelle Situation sprechen – vielleicht ist er bereit vorübergehend die Miete zu senken

* Den Steuerberater auf günstigere Tarifoptionen ansprechen

* Bereitet eure Steuererklärung für 2019 vor und falls sich herausstellt, dass ihr wahrscheinlich etwas zurückbekommt, sofort abgeben. Wenn ihr eher zahlen musst, wartet mit der Abgabe bis zur Frist.

 

06.04.2020

Politik

Mittlerweile ist es in ganz Deutschland möglich (seit 10 – 14 Tagen, je nach Bundesland) als Selbstständiger einen Soforthilfe Zuschuss zu beantragen, der sich aus finanziellen Mitteln des Bundes und der Länder zusammensetzt. Nun sind auch die Voraussetzungen dafür bekannt, die das Bundesfinanzministerium hier auflistet. Während die Komplexität der Anträge in den verschiedenen Bundesländern vor allem anfangs noch stark variierten, werden sie derzeit vereinheitlicht. Eine Liste und Links zu den zuständigen Behörden, bei denen die Anträge zu stellen sind, befindet sich hier.

Auch für Start-ups wurde nun eine spezielle Soforthilfe etabliert. Eine Übersicht des ganzen Corona-Schutzschilds für alle Industrien und Branchen stellt ebenfalls das Bundesfinanzministerium zur Verfügung. Des Weiteren wurde der sonst sehr bürokratische Antrag auf Grundsicherung vorübergehend erleichtert, u.a. indem zunächst keine Vermögensprüfung stattfindet. Hier geht es zu den Corona-FAQs der Bundesagentur für Arbeit (Jobcenter), wo auch ein Video zur Hilfe beim Ausfüllen bereitsteht. 

Während bis dato die Vergabe von Zuschüssen weitestgehend schnell und unkompliziert funktioniert, stellt sich teilweise heraus, dass die Gewährung von Schnellkrediten an kleine Unternehmen von diversen Banken verweigert wird. Der Grund ist ein 10 – 20 %-iges Restrisiko, das die eigenen Banken hierbei tragen müssten. Somit sind weiterhin Veranstalter, Gastronomen, etc., die nicht zu den Kleinstunternehmern gehören, jedoch finanziell auch nicht wie ein Konzern aufgestellt sind, gefährdet. Laut Presseberichten, z.B. der FAZ soll es hier bald Verbesserungen geben, sodass die KfW ggf. das volle Risiko für die Aufnahme von Krediten bestimmter Unternehmen übernehmen wird. 

Mieterschutz

Es ist keineswegs ein April Scherz, dass seit dem 1.4. ein besonderer Kündigungsschutz für Mieter während der Corona Krise in Kraft ist, selbst wenn diese als direkte Folge der Pandemie mit den Mietzahlungen in Verzug geraten. Die nicht geleisteten Mietzahlungen können ohne Konsequenzen (im Sinne von Kündigung) bis Juni 2022 nachgezahlt werden. Weitere Infos hierzu liefert der Mieterbund in seiner Pressemeldung. Außerdem werden eventuelle Mieterfragen, die die Pandemie und Quarantäne betreffen, hier geklärt.

Gegenseitige Hilfen am Beispiel Berlin

Weitere bemerkenswerte Projekte wurden ins Leben gerufen, um gefährdete Branchen einigermaßen über Wasser zu halten. Unter helfen.berlin kann beispielsweise der Berliner Gastronomie geholfen werden, indem man Gutscheine für einen späteren Besuch kauft. 

Der allseits beliebte Berlkönig bietet seine Fahrten derzeit ausschließlich und kostenfrei für Personal im Gesundheitswesen an, um deren Mobilität und gesundheitliche Sicherheit zu gewährleisten. 

Neben United We Stream ist auch Berlin alive zu erwähnen, wo verschiedene kulturelle Angebote durch Livestreams zugänglich gemacht werden und Spenden für die Künstler gesammelt werden. 

Modeindustrie

Teile der Mode- und Parfumindustrie (sowie übrigens auch Hersteller von Spirituosen) rüsten weltweit nun auf die Herstellung von Schutzmasken und Desinfektionsmittel um, nachdem vor allem der Mangel dieser Ressourcen im medizinischen Sektor ein großes Problem geworden ist. Laut The Guardian stellen Luxusmarken wie Prada, Gucci, Balenciaga, Yves Saint Laurent, etc., sowie auch die Konzerne Zara, Mango und H&M nun im Großen Stil medizinische Schutzkleidung her.

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